brainWEEK 2022

Die traurige Botschaft zur brainWEEK 2021 lautete: „Leider müssen wir auch dieses Jahr alle Präsenz-Veranstaltungen wegen den Corona-Maßnahmen absagen.“ – Damals dachten wir, dass wir die große Krise spätestens Mitte des Jahres 2021 überwunden und zu einer Normalität zurückgekehrt wären. – Doch weit gefehlt! Die Maßnahmen der Regierung sind allesamt fehlgeschlagen und es scheint, dass diese uns auch 2022 in unseren Aktivitäten erneut begrenzen und einschränken.

Daher wollen wir entgegen der bisherigen Ausrichtung, nur Präsenzveranstaltungen zu machen, davon abweichen und gehen den digitalen Weg. Da vor allem die Selbsthilfe natürlich davon lebt, intensive persönliche Kontakte in Präsenz zu haben, wird die Auftaktveranstaltung der brainWEEK 2022 in Kooperation mit dem Bundesverband SHV-FORUM GEHIRN e.V. als Hybridveranstaltung durchgeführt werden.

Unter dem Motto „Live is Life!“ oder „Life is live“ wollen wir im Henriettenstift in Hannover sowohl Vorträge, Workshops, die Ausstellung „Lust am Leben“ und einen Markt der Selbsthilfe in Präsenz stattfinden lassen. Um aber auch den worst case eines Shutdowns abzudecken und diese Woche bundes- oder gar weltweit Besuchern zur Verfügung zu stellen, sind Livestreams, ein virtueller Rundgang durch die Ausstellung aber auch Informationen an den virtuellen Ständen der Selbsthilfe abrufbar. Geplant sind sogar Live-Video-Gespräche mit dem Standpersonal für die Online-Community.

Ein ganz spannendes Projekt, was sicher auch weitere Partner motivieren wird, Online und Präsenz zusammen zu bringen.

Ich bin gespannt, welche Aktionen wir dieses Jahr noch zur internationalen Woche des Gehirns präsentieren können.

Von Christine Hartwig, meiner treuen brainWEEK-Partnerin, kommt das diesjährige spannende Thema: Neurodiversität.

Die Definition der Diversität, also einer Vielfalt und aus dem Begriff der Biodiversität kennen wir die Artenvielfalt, doch was ist nun Neurodiversität? – Die Anfänge der Neurodiversität liegen offensichtlich in einem 2011 in New York stattgefundenen Symposium, in dem die Forderung erhoben wurde, dass die neurobiologischen Unterschiede als eine menschliche Disposition unter anderen angesehen und respektiert werden sollen. Insbesondere Autismus, ADHS, Dyskalkulie, Legasthenie und Dyspraxie sollen als eine natürliche Form der menschlichen Diversität angesehen werden.

Ob man dieser Auffassung folgen kann ist sicherlich von mehreren Gesichtspunkten aus zu betrachten. Gesellschaftlich wäre es sicher hervorragend, wenn neurologisch Erkrankte nicht mehr in Schubladen kategorisiert würden, sondern als ein Individuum der Spezies Mensch mit eben individueller Ausprägung. In der Biodiversität sind wir Menschen deutlich großzügiger als mit unserer eigenen Art. Einen Pinguin würde man nicht als behinderten Vogel benennen, weil er die Fähigkeit des Fliegens nicht hat, dafür ist er jedoch an die extreme Kälte sehr gut angepasst. Manchmal ist es aber allein schon die Normung, die einen Menschen zu einem Behinderten macht. Wer schon mal unseren größten deutschen Dichter und Denker im Original gelesen hat, der zweifelt nicht daran, dass Goethe heute als ein Legastheniker eingestuft würde. Auch wenn wir heute in unserer Gesellschaft nicht mehr nur ein defizitäres Denken, sondern vereinzelt im Inklusionsgedanken auch die Fähigkeiten unserer Behinderten sehen, so bleiben sie meist doch in dieser Schublade: Behindert.

Aber vielleicht hilft uns ja da doch unser zweijähriges Hauptthema Corona weiter. Denn glaubt man den Prognosen von beiden Seiten, so werden wohl nur sehr wenige Bundesbürger von den Langzeitfolgen sowohl der Viruserkrankung als auch auf Grund der von den Regierungen verantwortlichen Maßnahmen von „Long Covid“ verschont. Hier könnte Corona tatsächlich ein direktes Umdenken bewirken, denn wenn plötzlich eine Vielzahl von Menschen „krank“ und „Long-Covid“-Betroffene sind, dann wird dies sicherlich zur neuen Normalität. Und wir alle könnten dann von der zwar schon lange ratifizierten aber leider noch lange nicht umgesetzten UN Behindertenrechtskonvention profitieren. 

Nur die eigene Erfahrung bringt uns weiter –  doch wie lautet das Motto des SelbstHilfeVerbandes FORUM GEHIRN?

„Gemeinsam Schicksale bewältigen!“ – Also eine Einladung nicht nur zu den Veranstaltungen zur brainWEEK 2022 sondern auch zum Mitmachen in den Selbsthilfegruppen und -verbänden.

Mit herzlichen Grüßen
Karl-Eugen Siegel